Kompakt Allgemeinmedizin
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Neue Empfehlungen zur stationären Therapie von COVID-19-Erkrankten

Anfang Oktober 2021 haben Fach­leute von 16 medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaften die Leit­linie zur statio­nären Therapie von COVID-19-Erkrankten zum zweiten Mal aktua­li­siert. Die Grund­lagen hierfür lieferte erneut das COVID-19-Evidenz­öko­system CEOsys, an dem sich auch Coch­rane betei­ligt. Eine Zusam­men­fas­sung der wich­tigsten Neue­rungen der Leit­linie bietet jetzt ein Evidence Brief von CEOsys.

Über­blick
Erst­mals als verfüg­bare medi­ka­men­töse Thera­pie­op­tionen aufge­führt sind in der aktu­ellen Leit­linie mono­k­lo­nale Anti­körper sowie Janu­s­ki­nase (JAK-)-Inhibitoren, die in rando­mi­sierten kontrol­lierten Studien nach­weis­lich die Sterb­lich­keit redu­ziert haben. Neue Empfeh­lungen gibt es auch für die Throm­bo­se­pro­phy­laxe und Anti­ko­agu­la­tion. Zudem empfiehlt die Leit­linie auch bei wachen Pati­en­tinnen und Pati­enten eine Bauch­la­ge­rung durch­zu­führen. Für eine Kurz­zu­sam­men­fas­sung der wich­tigsten Neue­rungen siehe auch den Evidence Brief von CEOsys.

Bauch­la­ge­rung auch bei wachen Pati­en­tinnen und Patienten
Bereits bei wachen Pati­en­tinnen und Pati­enten, die eine hoch­do­sierte Sauer­stoff­the­rapie über eine Nasen­sonde erhalten oder nicht-invasiv beatmet werden, sollte eine Bauch­la­ge­rung erfolgen“, so Prof. Dr. med. Stefan Kluge, Vorstands­mit­glied der Deut­schen Gesell­schaft für Inter­nis­ti­sche Inten­siv­me­dizin und Notfall­me­dizin (DGIIN) und Koor­di­nator der Leit­linie. Ärztinnen und Ärzte haben während der Pandemie immer wieder beob­achtet, dass sich COVID-Pati­enten selber auf den Bauch lagern und sich dadurch die Sauer­stoff­ver­sor­gung bessert.

Eine große prospek­tive rando­mi­sierte Studie konnte zeigen, dass sich die Häufig­keit späterer Intu­ba­tionen redu­ziert, wenn in dieser Krank­heits­phase bereits eine Bauch­la­ge­rung durch­ge­führt wird. „Dies ist eine neue wich­tige Erkenntnis, die helfen kann, eine Intu­ba­tion und mecha­ni­sche Beatmung zu vermeiden“, so Kluge.

Spezi­fi­sche neue Medi­ka­mente gegen COVID-19
Die aktua­li­sierte Leit­linie hält außerdem neue Empfeh­lungen zur medi­ka­men­tösen Therapie von COVID-19 bereit. „Es hat sich gezeigt, dass in der Früh­phase der COVID-19-Erkran­kung, in welcher der Körper noch keine Anti­körper gebildet hat, soge­nannte mono­k­lo­nale Anti­körper einen posi­tiven Einfluss auf den Krank­heits­ver­lauf und die Sterb­lich­keit haben. Diese mono­k­lo­nalen Anti­körper wirken neutra­li­sie­rend auf das SARS-CoV-2-Virus“, erläu­tert Dr. med. Jakob Malin, Vertreter der Deut­schen Gesell­schaft für Infek­tio­logie, der eben­falls an der Aktua­li­sie­rung der Leit­linie mitge­ar­beitet hat.

Virus­neu­tra­li­sie­rende mono­k­lo­nale Anti­körper besitzen die Fähig­keit, durch Inter­ak­tion mit dem SARS-CoV-2-Spike­pro­tein den Virus­ein­tritt in die Zelle zu verhin­dern. Die Leit­linie empfiehlt daher, bei hospi­ta­li­sierten COVID-19-Erkrankten, die noch keine eigene Immun­ant­wort auf die Infek­tion zeigen und keiner oder maximal einer Low-Flow-Sauer­stoff-Therapie bedürfen, eine Therapie mit der Kombi­na­tion aus den SARS-CoV-2-spezi­fi­schen mono­k­lo­nalen Anti­kör­pern Casi­riv­imab und Imde­vimab umzusetzen.

Außerdem neu ist, dass die Leit­linie den Einsatz von Januskinase(JAK)-Inhibitoren empfiehlt. Der Einsatz dieses immun­mo­du­la­to­ri­schen Thera­pie­an­satzes findet erst­mals Eingang in die Empfeh­lungen. JAK-Inhi­bi­toren wirken entzün­dungs­hem­mend. Studien zeigen einen Über­le­bens­vor­teil, wenn JAK-Inhi­bi­toren bei hospi­ta­li­sierten Pati­en­tinnen und Pati­enten ohne Sauer­stoff­be­darf oder mit maximal einer Low-Flow-Sauer­stoff-Behand­lung einge­setzt werden.

Throm­bo­se­pro­phy­laxe und thera­peu­ti­sche Anti­ko­agu­la­tion bei hospi­ta­li­sierten Erkrankten
Bei schwer an COVID-19-Erkrankten kann es zur Bildung von Throm­bosen kommen, die wiederum eine Lungen­em­bolie oder weitere Folge­kom­pli­ka­tionen auslösen können. Deshalb erhalten stationär behan­delte COVID-19-Pati­en­tinnen und ‑Pati­enten stan­dard­mäßig eine Therapie zur Throm­bo­se­pro­phy­laxe. „Es war immer in der Diskus­sion, ob eine stan­dard­mä­ßige Throm­bo­se­pro­phy­laxe mit Heparin ausrei­chend ist, um Throm­bosen zu vermeiden. Deshalb haben wir in der Über­ar­bei­tung der Leit­linie auch die Empfeh­lungen zur Throm­bo­se­be­hand­lung aktua­li­siert“, so Prof. Dr. med. Chris­tian Kara­gi­ann­idis, Präsi­dent der DGIIN.

Die neuen Empfeh­lungen beinhalten nun, dass in der Früh­phase bei hospi­ta­li­sierten, nicht inten­siv­pflich­tigen COVID-19-Pati­en­tinnen und ‑Pati­enten mit einem erhöhten Throm­bo­se­ri­siko eine thera­peu­ti­sche Anti­ko­agu­la­tion erwogen werden kann, sofern sie ein nied­riges Blutungs­ri­siko haben. Bei Inten­siv­pa­ti­enten hingegen sollte eine thera­peu­ti­sche Anti­ko­agu­la­tion bei fehlendem Nach­weis von Throm­bosen oder Embo­lien nicht erfolgen, da hier das Risiko schwerer Blutungs­kom­pli­ka­tionen deut­lich ansteigt.

Zusam­men­ar­beit mit dem Forschungs­kon­sor­tium CEOsys
„Die Aktua­li­sie­rung der Leit­linie zur Behand­lung von statio­nären COVID-19-Erkrankten liefert viele neue Erkennt­nisse für den medi­zi­ni­schen Behand­lungs­alltag“, so Prof. Dr. med. Nicole Skoetz vom Forschungs­kon­sor­tium CEOsys, dem COVID-19 Evidenz-Ökosystem, welches die Leit­li­ni­en­ak­tua­li­sie­rung begleitet hat. Das Projekt CEOsys wird vom Bundes­mi­nis­te­rium für Bildung und Forschung im Rahmen des Netz­werks Univer­si­täts­me­dizin (NUM) geför­dert. Coch­rane unter­stützt das Projekt als außer­uni­ver­si­tärer Partner.

Die Leit­linie ist auch ein Beispiel des syste­ma­ti­schen Austau­sches zwischen den verschie­denen Diszi­plinen der medi­zi­ni­schen Wissen­schaft, um Pati­en­tinnen und Pati­enten best­mög­lich zu versorgen, ein gemein­sames Vorgehen bei der Pande­mie­be­kämp­fung zu errei­chen und zu einer syste­ma­ti­schen Evidenz­auf­ar­bei­tung zu gelangen“, so Skoetz. Im Fokus stehe dabei die Pati­en­ten­si­cher­heit, mit dem Ziel, zusätz­li­chen Schaden durch Thera­pien zu vermeiden. „Durch die konse­quente kriti­sche Analyse einer Viel­zahl von medi­ka­men­tösen Thera­pie­an­sätzen zur Behand­lung von COVID-19 (Colchicin, Iver­mectin, Rekon­va­les­zenten-Plasma etc.) können wir nun auch einen Katalog von Negativ-Empfeh­lungen, also Empfeh­lungen gegen bestimmte Thera­pien, heraus­geben“, fasst Kluge die Ergeb­nisse der Leit­li­nien-Aktua­li­sie­rung zusammen.

Weitere Infor­ma­tionen

  1. Lang­fas­sung der aktua­li­sierten S3-Leit­linie „Empfeh­lungen zur statio­nären Therapie von Pati­enten mit COVID-19“ auf der Seite der AWMF.
    https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/113–001LG.html
  2. Kurzu­sam­men­fas­sung der Neue­rungen im Evidence Brief von CEOsys
    https://covid-evidenz.de/wp-content/uploads/2021/10/CEOsys_EvidenceBrief_S3Behan…

Quelle: Coch­rane Deutschland

 

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